Deutschland, 2025
„In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski spielt auf einem in der Nähe eines Flusses gelegenen Bauernhof in der Altmark im heutigen Sachsen-Anhalt über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren, beginnend 1910 bis in die heutige Gegenwart. Erzählt wird jedoch keine Familienchronik im klassischen Sinne, sondern der Film spinnt ein Geflecht aus den Erinnerungen, Träumen und Gedanken von vier Mädchen, die auf dem Hof innerhalb dieser Zeit gelebt haben.
Die 7-jährige Alma (Hanna Heckt) ist die jüngste Tochter einer streng religiösen Gutsbesitzerfamilie kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die eines Tages auf einer der in der Wohnstube aufgestellten Totenfotografien ein Mädchen entdeckt, dass genau so aussieht wie sie selbst. Etwa dreißig Jahre später, während des Zweiten Weltkriegs, kümmert sich die junge Erika (Lea Drinda) um ihren Onkel Fritz, den ältesten Bruder Almas, dem ein Unterschenkel fehlt und der deswegen bettlägerig ist. In den 1980er Jahren, während der DDR-Zeit lebt die jugendliche Angelika (Lena Urzendowsky) auf dem Hof und in der Gegenwart schließlich zieht Nelly mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Lenka (Laeni Geiseler) auf den verlassenen Hof, wo die Familie sich ein neues Zuhause aufbauen will.
Die eigene Sterblichkeit zwischen Angst und Todessehnsucht, Lebensfreude und die Frage nach dem Sinn des Lebens sowie Sexualität als lockendes Geheimnis und Bedrohung zugleich sind die zentralen Themen, die die auf den ersten Blick scheinbar so unterschiedlichen Schicksale verbinden. Der Hof mit seinen umschließenden Gebäuden wird dabei zum Symbol der vermeintlichen Geborgenheit aber auch des Gefangenseins, während der Fluss ein Ort der Freiheit und Transzendenz ist.
Die Kamera von Fabian Gamper, im strengen 4:3-Format gehalten, nimmt immer wieder den Blickwinkel der Protagonistinnen ein, lässt uns durch deren Augen schauen, ihre Umgebung und Mitmenschen beobachten. Dann wieder schleicht und rennt sie mit ihnen umher oder träumt mit ihnen, während uns auf der Tonspur vertraute und fremdartige Geräusche locken oder verstören und wir den Gedanken der Mädchen lauschen können.
„In die Sonne schauen“ ist kein einfacher Film, weder in seiner Machart noch in seiner Rezeption. Er ist kein Film, der unterhalten will, sondern eine bewusst komplex gestaltete Herausforderung an ein Publikum, das bereit ist, sich darauf einzulassen, mit unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden, ohne darauf wirklich Antworten zu bekommen.
Mascha Schilinski etabliert sich damit endgültig neben Burhan Qurbani („Kein Tier. So Wild„) und Veronika Franz und Severin Fiala („Des Teufels Bad„) als eine jener Filmemacher*innen im deutschsprachigen Raum, die Film nicht nur als Medium zum Erzählen von Geschichten, nicht als Konsumgut sondern als echte Kunstform verstehen und bereit sind, dessen Grenzen und Möglichkeiten immer wieder neu auszuprobieren.
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