Deutschland, 1980
In ihrem 1980 veröffentlichten Film „Deutschland, bleiche Mutter“ erzählt die Regisseurin und Drehbuchautorin Helma Sanders-Brahms die Lebensgeschichte ihrer Mutter Helene während des Zweiten Weltkrieges und der ersten Nachkriegsjahre. Die Regisseurin selbst tritt dabei als Erzählerin aus dem Off in Erscheinung, die auch über die Bedeutung der Geschehnisse für sich selbst reflektiert. Recht früh im Film sagt sie über ihre Eltern, die sich zu diesem Zeitpunkt der Handlung gerade erst kennengelernt haben: „Ich selbst habe nie geheiratet. Das habe ich an Euch verlernt.„
Diese zwei Sätze mögen wie ein stimmungstechnischer und thematischer Richtungszeig wirken, aber den hat eigentlich schon das gleichnamige Gedicht von Berthold Brecht gesetzt, das dem Film vorangestellt ist, in dem er bereits 1933 im Exil schrieb:
„O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie sitzest du besudelt
Unter den Völkern.„
Auch das zweite große Thema des Films neben dem Nationalsozialismus, nämlich die gewaltsam ausgeübte und aufrechterhaltene Macht von Männern über Frauen und deren Körper wird durch ein literarisches Zitat hervorgehoben.
In einer zentralen Szene des Films erzählt Helene, im übrigen brillant gespielt von der großen Eva Mattes, ihrer kleinen Tochter das komplette Märchen „Der Räuberbräutigam“ der Gebrüder Grimm, in dem ein Mädchen (eine zukünftige Braut) heimlich Zeugin der furchtbaren Taten ihres zukünftigen Bräutigams (eines furchtbaren Räubers) wird, und diesen letztendlich entlarvt, indem sie das Gesehene (den Mord an einer Jungfrau) in Form einer angeblich geträumten Geschichte erzählt.
Damit spiegelt die Regisseurin zugleich auch die Wirkungsweise ihres eigenen Films, denn die in ihm erzählte wahre Geschichte findet ja auch erst dadurch Gehör, dass sie als Spielfilm erzählt wird.
Gehör fand der Film, der auf der Berlinale uraufgeführt wurde, damals tatsächlich, stieß aber gerade bei den deutschen Kritikern auf wenig Begeisterung.
Dieser Blick einer Frau auf eine ihre eigene Mutter und die Männer in ihrem Leben war zu analytisch, zu feministisch, zu anklagend gegen das Patriachat und zugleich zu emotional, so dass er schließlich nur in einer um etwa 30 Minuten gekürzten Fassung in die Kinos kam.
Erst 2013 wurde die Premierenfassung aufwändig wiederhergestellt und ein Jahr später vom British Film Institute in UK in einer klug kommentierten Blu-ray-Edition veröffentlicht. Die in Deutschland erhältlichen DVD-Fassungen enthalten weiterhin nur die mitunter sprunghaft und unzusammenhängend anmutende Kinofassung. Die Originalfassung von 152 Minuten ist hierzulande nur versteckt bei einem völlig unbekannten Streamingdienst zu finden, dort allerdings nach Registrierung kostenlos, soweit ich gesehen habe.
„Deutschland, bleiche Mutter“ ist ein eindringliches Portrait, das das Einzelschicksal einer Frau, die an der Zeit, in der sie lebt, und an den Männern in ihrem Leben zu zerbrechen droht, symbolisch für eine ganze Generation in bis dahin selten gesehener Schonungslosigkeit aufbereitet und von Eva Mattes bis über die Schmerzgrenze hinaus im wahrsten Sinne des Wortes „verkörpert“ wird. Die etwa letzte halbe Stunde des Films enthält dabei eine der besten filmischen Darstellungen von Depression, die ich (neben „Des Teufels Bad„) bisher gesehen habe.

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