Frankreich, 2023
Zur Zeit der Russisch-Türkischen Kriege im 18. Jahrhundert wird der Gesandte des französischen Königs, der junge Marquis Jacques Saturnin du Antoine Opfer eines Überfalls, durch den er Pferd und Gefolge verliert.
Auf der Suche nach einer Unterkunft rät man ihm, beim alten Gorcha nachzufragen, dort würde er mit Sicherheit auch ein Pferd bekommen.
Dort angekommen findet er jedoch nur die Familie vor, bestehend aus dem ältesten Sohn Jegor, nebst dessen Frau Anja und kleinem Sohn Vlad, sowie dem jüngeren Geschwisterpaar Sdenka und Piotr.
Der Hausherr selbst, so erzählen sie ihm, sei aufgebrochen, um den türkischen Räuberhauptmann Alibek zu jagen. Würde er nach sechs Tagen nicht zurück sein, so habe er seine Familie gewarnt, sollen sie ihn nicht mehr hereinlassen, da er dann zu einem Vourdalak, einem Vampir geworden sei…
Dem französischen Regisseur Adrien Beau dient für seinen Debütfilm „Le Vourdalak“ die 1839 tatsächlich auf Französisch entstandene Schauergeschichte „Die Familie des Vourdalak“ des russischen Schriftstellers und Dichters Aleksey Konstantinovich Tolstoy, ein Cousin zweiten Grades des berühmteren Leo Tolstoy, als Vorlage. Diese befreit er jedoch vom Ballast der Rahmenhandlung, und auch die Personenkonstellation der Familie und Teile des Handlungsverlaufs verändert Beau, um gewisse Themen stärker heraus- und neue vorsichtig hineinzuarbeiten.
Zudem erzählt er die Geschichte nicht als Horrorfilm, obwohl sie dies ohne weiteres Zutun hergäbe, sondern als Familiendrama im Gewand eines düsteren Märchens. Dazu passt , dass er sich in Ausstattung und Optik an alten russischen Märchenfilmen orientiert, ebenso wie die überaus mutige und auf den ersten Blick vielleicht befremdliche Entscheidung, die Figur des Vourdalak mit Hilfe einer lebensgroßen marionettenhaften Puppe darzustellen.
Diese hebt jedoch das Nicht-Erkennen-Wollen der Gefahr (und der toxischen Familienverhältnisse) durch den ältesten Sohn Jegor, umso mehr hervor. Der ohnehin deutlich sichtbare Generationenkonflikt wird vom Regisseur behutsam durch Themen wie Queerness und weibliche Selbstbestimmung verstärkt.
Kacey Mottet Klein umgibt den stets gepuderten (und dadurch äußerlich fast selbst wie einen Vampir wirkenden), weltfremden Marquis d’Urfe mit einer gewissen Komik des Unbeholfenen, ohne ihn jedoch zur Witzfigur verkommen zu lassen, während Ariane Labed und Vassili Schneider die in den Moralvorstellungen ihrer Familie gefangenen erwachsenen Kinder genauso zurückhaltend spielen wie die restlichen Familienmitglieder, was von manchen Kritikern als hölzernes oder gar schlechtes Schauspiel abgetan wurde, meiner Meinung nach jedoch eine bewusste Regieentscheidung ist, um das Sich-Nicht-Ausleben-Dürfen innerhalb der Familie zu unterstreichen.
Adrien Beaus „Le Vourdalak“ ist mit Sicherheit kein Film für ein breites Publikum, aber jenen, die sich für Filme begeistern können, die künstlerisch noch etwas wagen, mag ich dieses poetische Kleinod ebenso ans Herz legen wie Liebhaber:innen dunkler Märchen und Vampirgeschichten. Die letzten Versuche zweier überaus namhafter Regisseure in diesem Bereich lässt dieser kleine, wunderbar unaufgeregte, aber umso mehr faszinierende Debütfilm in meinen Augen nämlich ganz weit hinter sich.

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