Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„The Chronology of Water“

USA, 2025

Bewertung: 5 von 5.

„The Chronology of Water„, das Regiedebüt der Schauspielerin Kristen Stewart, basiert auf der gleichnamigen Autobiographie der Schriftstellerin und früheren Schwimmerin Lidia Yuknavitch.
Nachdem ihre ältere Schwester von zu Hause ausgezogen ist, beginnt der ohnehin körperlich und psychisch gewalttätige Vater die elfjährige Lidia sexuell zu missbrauchen, während ihre alkoholkranke Mutter tatenlos zusieht. Nur im Wasser, beim Schwimmen fühlt sich Lidia frei und sicher vor ihrem Vater, der Nichtschwimmer ist, und so beginnt sie mit Sportschwimmen, was ihr schließlich ein Stipendium in einem weit entfernten College verschafft: ihre Chance dem Kreislauf von psychischer und körperlicher Misshandlung zu entkommen.
Obwohl der Film in seinen etwas mehr als zwei Stunden Laufzeit einen erzählten Zeitraum von fast dreißig Jahren abdeckt, gelingt es Kristen Stewart, die auch das Drehbuch geschrieben hat, die zwangsläufige Episodenhaftigkeit aufzubrechen, indem sie die einzelnen Lebensabschnitte in Erinnerungssplitter zerteilt, die mal als Einsprengsel, mal als geschickte Parallelmontagen zusammengefügt das Puzzlebild einer zerrissenen Persönlichkeit ergeben.
Imogen Poots verkörpert die Rolle der Lidia mit einer Direktheit und Offenheit, der sich eins als Zuschauende*r nicht entziehen kann.
All der Schmerz und die Verzweiflung, die Sehnsucht und das unbändige Verlangen, jeder kleine Sieg und jedes erneute Scheitern sind unmittelbar greifbar in jedem ihrer Blicke, in jeder noch so kleinen Geste, in jeder Haltung ihres Körpers, von Kameramann Corey C. Waters in rauhen und zugleich ungemein einfühlsamen Bildern eingefangen.
Und doch ist der Film bei all der Schwere seiner Themen von Kindesmissbrauch bis Totgeburt voll von Momenten der Stärke und Hoffnung, wenn wir miterleben dürfen, wie Lidia langsam wieder Selbstbestimmtheit für sich erkämpft und Gefühle wie Geborgenheit, Familie aber auch Sexualität für sich zurückerobert. Allein den Umstand, dass Lidias Bisexualität im Film anders als im Buch kaum mehr als eine Randbemerkung ist, fand ich angesichts der selbst queeren Regisseurin etwas verwunderlich.
Aus den Nebenfiguren, die ihren Lebensweg kreuzen, sticht vor allem Jim Belushi als Ken Kesey, dem Autor von „Einer flog übers Kuckucksnest“ und zeitweisen Professor und Mentor von Lidia, hervor, gelingt es ihm doch, eine gewisse komödiantische Leichtfüßigkeit einfließen zu lassen ohne die Ernsthaftigkeit der Geschichte zu untergraben.
Mit „The Chronology of Water“ hat sich Kristen Stewart auf Anhieb auch auf der anderen Seite der Kamera als hochgradig eigenständige und kraftvolle Filmemacherin etabliert, deren nächsten Werken ich mit Spannung entgegensehe. Und mit der Hoffnung, dass sie darüber die Schauspielerei nicht ganz vergessen möge.



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