Deutschland, 2025
Im Jahr 1962 betritt die zwölfjährige Karla eine Polizeistation, um eine Anzeige zu erstatten, jedoch nicht bei den anwesenden Beamten, sondern bei einem Richter. So landet das Mädchen im Büro des Ermittlungsrichters Lamy, dem sie erzählt, dass sie ihren Vater wegen Vergehens nach § 176 StGB anzeigen will. Da das traumatisierte Kind jedoch nicht über Details reden kann und will, sieht er wenig Aussicht auf Erfolg. Erst seiner Sekretärin Frau Steinberg gelingt es, den Richter zu überzeugen, sich des Falls trotzdem anzunehmen.
Dreizehn Jahre lang recherchierte die Drehbuchautorin Yvonne Görlach zu dem echten Fall, der dem Drehbuch zugrunde liegt, das ebenso wie der daraus entstandene Debütfilm der Regisseurin Christina Tournatzés auf dem Filmfest in München ausgezeichnet wurde.
Die Stärke des Films liegt darin, dass die Taten des Vaters weder gezeigt noch im Detail beschrieben werden. Nicht er als Täter steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern allein Karla, aber eben auch nicht als Opfer, sondern als Mädchen, das darum kämpft, dass sie das zurückbekommt, was ihr Vater ihr genommen hat, ihre Würde und die Möglichkeit auf ein, wie sie selbst sagt, lebenswertes Leben.
Manchmal mögen die Dialoge etwas konstruiert wirken, dann wieder zeigen sie eindrucksvoll, wieviel Kraft in einzelnen Worten liegen kann.
Elise Krieps, die Tochter der Schauspielerin Vicky Krieps, beweist in ihrem Filmdebüt als Karla große Ausdruckskraft, die sich weniger in dramatischen Emotionsausbrüchen sondern vielmehr in einer ungeheuren Klarheit manifestiert. An ihrer Seite wissen Rainer Bock als Richter Lamy und Imogen Kogge als seine Sekretärin Frau Steinberg mit ihren nuancierten Darstellungen zu begeistern, die jedoch nie die Szenen an sich reißen, sondern ihrer jungen Kollegin den Raum geben, ihre Geschichte zu erzählen.
Kameramann Florian Emmerich, der bisher eher für Kinder- und Jugendfilme wie „Smaragdgrün“ und drei Teile der Pferdesaga „Ostwind“ gearbeitet hat, zeigt ein untrügliches Gespür dafür, die Stimmungswelt der jungen Protagonistin mit mal nüchtern-sachlichen und dann wieder poetisch-verträumten Bildern zu unterstreichen.
Trotz des harten Themas ist „Karla“ kein Film der schockieren will, sondern einer der Kraft geben und Mut machen will, auch gerade jenen, die erst so alt sind wie Karla, ist er doch ab 12 Jahren freigegeben.
Mut und Kraft, sich den gesellschaftlichen und systemischen Widerständen, die auch mehr als sechzig Jahre später immer noch da sind, zu stellen, um dafür zu sorgen, dass, wie Gisèle Pelicot es ausdrückte, „die Scham die Seite wechsle„.

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