Deutschland, 1995
Anfang des 19. Jahrhunderts wird im abgelegenen Bergbauerndorf Eschberg unter widrigen Umständen ein Kind namens Elias geboren, das über das absolute Gehör sowie erstaunliche musikalische und gesangliche Fähigkeiten verfügt. Als Außenseiter weitestgehend gemieden, gibt ihm neben der Kunst und der Restaurierung der Kirchenorgel vor allem die Liebe zur Bauerntochter Elsbeth und die Freundschaft zu ihrem Bruder Peter Halt, nicht ahnend, dass Peter für ihn heimlich mehr empfindet als nur Freundschaft.
Nur zwei Jahre nachdem der österreichische Schriftsteller Robert Schneider mit seinem Debütwerk „Schlafes Bruder“ die Herzen von Kritikern und Publikum gleichermaßen im Sturm erobert hatte und zum Wunderkind der deutschsprachigen Literatur der 1990er Jahre avanciert war (ein Erfolg, an den er nie wieder anknüpfen konnte), machte sich Regisseur Joseph Vilsmaier, damals insbesondere durch seine Filme „Herbstmilch“ und „Stalingrad“ selbst Publikums- und Kritikerliebling, an die Verfilmung des Werkes.
Das Drehbuch verfasste Robert Schneider selbst und adaptierte sein Werk dabei, wie es auch im Vorspann heißt, „frei“, wahrscheinlich wohlwissend, dass die komplexe Erzählstruktur des Buches einem Erfolg des Filmes entgegenstehen würde.
Diese Begradigung unterstützt aber auch die unglaubliche Sogwirkung des Films, der die Zuschauenden vom ersten Moment an direkt in diese archaisch anmutende Welt aus Armut, Religiosität, Aberglaube und Inzucht hineinzieht, von Vilsmaier, der wie so oft nicht nur neben, sondern auch hinter der Kamera stand, in gewaltigen Landschaftsbildern und kantigen Charakterportraits eingefangen und von Enjott Schneider und Hubert von Goisern mit Musik untermalt, die eins mehr spürt als nur hört.
Die erstklassige Besetzung tut ihr Übriges, angefangen von André Eisermann, der hier nach seinem Erfolg als „Kaspar Hauser“ erneut den Sonderling gibt, und der leider viel zu früh verstorbenen Dana Vávrová („Herbstmilch„) als Elsbeth bis zu Michael Mendl, Eva Mattes („Deutschland, bleiche Mutter„) und Lena Stolze („Die weiße Rose„) in kleineren Nebenrollen. Die eigentliche Entdeckung des Films jedoch war und ist Ben Becker in seiner ersten größeren Rolle. Die Zurückhaltung und unglaubliche Zärtlichkeit, mit der er seinen Peter anlegt und dessen Gefühle zu seinem Freund und unerwiderten Geliebten abseits gängiger Klischees greifbar macht, ist ganz große Schauspielkunst.
Dass Vilsmaiers Film auch heute noch so gut funktioniert und wirkt, mag auch daran liegen, dass er ganz in der von ihm erzählten Welt verbleibt, ohne Bezüge zur Gegenwart seiner Entstehungszeit aufzumachen, anders als das Buch, in dem sich der auktoriale Erzähler ja eins ums andere Mal als Vermittler zwischen erzähltem Geschehen und lesendem Publikum etabliert. So aber können die Zuschauer*innen ungefiltert diese Welt betrachten und sich ihre eigenen Gedanken machen, die angesichts von Themen wie Homosexualität und Neurodivergenz auch heute noch interessante Anknüpfungspunkte bietet.
Die 2018 u.a. in einem schönen Mediabook erschienene Blu-ray ist jedoch technisch nicht so gut gealtert und die Gelegenheit, zum letztjährigen 30. Jubiläum eine würdige 4K-Veröffentlichung herauszubringen, wurde leider versäumt.

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