Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“

Deutschland, 2004

Bewertung: 5 von 5.

Dominik Graf, der dieses Jahr 70 Jahre alt wird (dieser Beitrag erschien ursprünglich 2022), ist immer noch einer der umtriebigsten und interessantesten deutschen Regisseure der Gegenwart, dessen Arbeiten für Kino und Fernsehen thematisch stets am Puls der Zeit, stilistisch ihr jedoch zugleich oft voraus sind.
Mit der Fernsehserie „Der Fahnder„, an deren Entwicklung er maßgeblich beteiligt war, hatte er in den 1980ern einen düsteren und rauen Gegenentwurf zu beschaulichen Krimireihen wie „Derrick“ und „Der Alte“ geschaffen.
So mag es wenig verwundern, dass seine rund 20 bis 25 Jahre später ab 2004 entstandenen Arbeiten für die ehemalige DDR-Serie „Polizeiruf 110“, die auch nach ihrer Weiterführung durch die Sendeanstalten der ARD immer ein bisschen im Verruf stand, die biedere kleine Schwester des Aushängeschilds „Tatort“ zu sein, eben diesem Ruf so gar nicht entsprechen.
Die ersten drei seiner Polizeiruf-Folgen wurden seiner Zeit vom BR in einer schönen DVD-Box veröffentlicht, die im Moment beim großen A zu einem absoluten Schnäppchen-Preis zu kriegen ist, was mich veranlasste, dort zuzuschlagen.
In „Der scharlachrote Engel“ mit dem Ermittler-Duo Obermaier (Michaela May) und Tauber (Edgar Selge) und Nina Kunzendorf und Martin Feifel in beeindruckenden Hauptrollen erweist sich Graf als Genre-Virtuose, der geschickt mit den Erwartungen seiner Zuschauer zu spielen weiß.
Was als gewöhnlicher Fernsehkrimi beginnt, schlägt nach einer wunderbar humoristischen Einlage unmittelbar in ein hartes Vergewaltigungsdrama und Psychogramm über Voyeurismus und Internetsex um, und wird schließlich zu einem Gerichtsfilm, bei dem die Verhandlung für das Opfer noch schmerzlicher und erniedrigender wird als die Tat selbst.
Kameramann Alexander Fischerkoesen, mit dem Graf auch bei seiner nächsten Polizeiruf-Folge „Er sollte tot“ zusammenarbeiten sollte, findet stets die passenden Bilder, um die Gefühlswelt der Protagonisten (oder auch der Zuschauer) treffend zu untermalen, vom nervösen Sich-im-Raum-herum-Bewegen der Handkamera bis zum wie im Schreck erstarrten Nicht-Wegschauen-Können.
Die in einigen Szenen geradezu herausbrechende Gewalt geht dabei weit über das hinaus, was üblicherweise in Fernsehkrimis zur besten Sendezeit zu sehen ist, ohne dabei an den falschen Stellen voyeuristisch zu sein.
Graf zeigt zusammen mit Drehbuchautor Günter Schütter zu welchem intensiven Seh-Erlebnis der deutsche Fernsehkrimi werden kann, wenn man ihn nur von seinen moralischen und inszenatorischen Fesseln befreit und ihn wieder ganz Genrefilm im besten Sinne sein lässt.
Wobei Genrefilm hier eben nicht mit „schlicht“ oder „minderwertig“ gleichzusetzen ist, denn dafür hat er viel zu viel Wichtiges und auch Schmerzvolles zu sagen, weiß es aber so in Szene zu setzen, dass es den Zuschauer mit einer Unmittelbarkeit erreicht, der sich eins nicht entziehen kann: er lässt fassungs- und hilflos mit ansehen statt zu moralisch belehren.



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