Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Negatives“

Großbritannien, 1968

Bewertung: 4.5 von 5.

Negatives“ ist der 1968 entstandene Debütfilm des ungarischen Regisseurs Peter Medak, der drei Jahre zuvor wegen der politischen Umwälzungen aus seinem Heimatland nach England geflohen war, und der dem heutigen Publikum wohl vor allem durch seinen Geisterfilm „The Changeling“ und seine Früh-Neunziger-Werke „The Krays“ und „Romeo is Bleeding“ bekannt sein dürfte.
Die Beziehung zwischen Theo und Vivien scheint nur noch dann zu funktionieren, wenn sie sich ihren sexuellen Rollenspielen hingeben, in denen er in die Rolle des in England berüchtigten Ehefrauenmörders Dr. Crippen schlüpft und sie abwechselnd in die von dessen Ehefrau Belle oder seiner Geliebten Ethel.
Als die deutsche Fotografin Reingard in das Gästezimmer der beiden zieht und sie Theo erzählt, er sehe aus wie der berühmte deutsche Flieger Manfred von Richthofen, erweckt sie eine neue Phantasie in dem jungen Mann, die zur Obsession heranwächst.
Ganz wie Peter Stricklands wundervoller „The Duke of Burgundy“ ist auch Medaks Drama geprägt von einer Erotik des Erzählens und des Spiels mit Dominanz und Unterwerfung und ist damit im Kern dem BDSM näher als heutige Machwerke wie „Fifty Shades of Grey„, zeigt zugleich aber auch die Gefahren, die entstehen, wenn (sexuelle) Phantasie und (männliches) Selbstbildnis verschwimmen.
Der Theaterschauspieler Peter McEnery ist hier als Theo in einer seiner wenigen Filmrollen zu sehen, die er mit eindringlicher Präsenz ausfüllt, der eigentliche Star des Films ist jedoch die großartige Glenda Jackson in ihrer ersten Hauptrolle, die nur ein Jahr später für Ken Russells frühes Meisterstück „Women in Love“ den Oscar für die beste Hauptdarstellerin erhalten sollte. Ihr pointiertes aber nie gekünsteltes Spiel, die Art und Weise wie ihre Mimik jeder Dialogzeile unterstützt und mit Emotion auflädt, ist allein schon Grund genug, sich diesen Film anzuschauen, den das British Film Institute jetzt im Rahmen seiner „Flipside„-Reihe dem Vergessen entrissen und in in einer gewohnt vorzüglichen Restauration auf Blu-ray veröffentlicht hat.
Die damaligen Kritiker lobten zwar die stilsichere Inszenierung Medaks und die virtuose Kameraarbeit von Ken Hodges, zeigten sich aber von der offenen Auseinandersetzung mit sexuellem Kink und fragilen Männlichkeitsbildern weitestgehend überfordert.



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