Belgien, 1971
Jahrelang war Harry Kümels filmgewordenes Traumgespinst „Malpertuis“ fürs Heimkino praktisch nicht verfügbar, die vor Ewigkeiten erschienene DVD war nicht nicht nur out-of-print, sondern regelrecht vom Markt verschwunden, bis dann endlich Mitte dieses Jahres die frohe Kunde kam, dass das kleine aber feine Label Radiance Films, das sich schon des Öfteren um vergessene Filme wie zuletzt „A Woman Kills“ verdient gemacht haben, ihn veröffentlichen würde. Kaum hatte ich ihn freudestrahlend bestellt, um eine schmerzliche Lücke in meiner Sammlung zu schließen, kündigten die deutschen Camera Osbscura für die nahe Zukunft eine 4K-Fassung an.
Heute wanderte dann erstmal die Radiance-Ausgabe in den Player, die bereits auf dem selben 4K-Scan basiert und den Film in einer Farbenpracht präsentiert, die ich so nicht Erinnerung hatte, die ihm aber ganz ausgezeichnet steht.
Der junge Matrose Jan kehrt in seine Heimatstadt zurück, doch das Haus, in dem er aufgewachsen ist, existiert nicht mehr und seine Familie ist verschwunden. Um seine Enttäuschung zu vergessen, begibt er sich in eine Hafenbar, in der er in eine Schlägerei verwickelt und hinterrücks niedergeschlagen wird.
Als er wieder zu sich kommt, findet er sich im Haus seines todkranken Onkels Cassavius wieder, wo eine illustre Schar seltsamer Gäste nur darauf zu warten scheint, dass der alte Herr das Zeitliche segnet und sie ihn beerben können.
Harry Kümel („Blut an den Lippen„) gelingt es dank der (alp-)traumhaften Bilder des Kameramannes Gerry Fisher, der später noch zahlreiche Filme von „Stiefel, die den Tod bedeuten“ bis „Highlander“ veredeln sollte, den allegorischen Roman von Jean Ray, der ebenso verwinkelt ist wie sein Schauplatz, kongenial auf das Medium Film zu übertragen.
Orson Welles beweist als Cassius, dass er, auch wenn er nur im Bett herumliegt, beeindruckend und bedrohlich sein kann, während der gerade mal 21jährige Mathieu Carrière wie eine fleischgewordene griechische Statue eines androgynen Jünglings durch die Szenerie irrt.
Menschen, denen Logik und eine stringente Geschichte wichtig sind, werden hier nicht fündig, aber jene, die bereit sind, sich auf das optische und erzählerische Verwirrspiel einzulassen, werden mit einem wahrhaft einzigartigen und wunderschön anzusehenden Filmerlebnis belohnt.

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