Großbritannien, 2025
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bei einem Film so geheult habe, und zwar nicht weil mich eine Szene oberflächlich berührt und irgendwie an den richtigen Fäden gezogen hat, sondern weil mir der Film erbarmungslos mein Innerstes herausgerissen hat, so dass ich geschworen habe, ihn nie wieder sehen zu wollen, nur um am Schluss mit wenigen Momenten alles wieder zusammenzusetzen, so dass die Tränen des Schmerzes nahtlos in solche der Erlösung übergingen.
Und dabei wollte ich den Film über die erfundene Entstehungsgeschichte von Shakespeares „Hamlet“ eigentlich gar nicht gucken, interessieren mich derart spekulative Geschichten, die versuchen einen Zusammenhang zwischen dem Leben und Werk eines berühmten Künstlers herzustellen und sich dabei zumeist viel zu sehr in ihrer eigenen vermeintlichen Cleverness gefallen, so überhaupt rein gar nicht.
Und so war es allein die Mitwirkung der von mir seit „Beast“ und „MEN“ hochverehrten Jessie Buckley, die mich bewogen hat, den Film doch anzuschauen, nur um festzustellen, wie falsch ich in diesem Fall mit meinen Vorurteilen lag.
„Hamnet„, basierend auf dem gleichnamigen Roman der Schriftstellerin Maggie O’Farrell, die zusammen mit der Regisseurin Chloé Zhao auch das Drehbuch verfasst hat, versucht zu keiner Zeit sich im Glanz der Berühmtheit Shakespeares zu baden, in der Hoffnung, er möge auf ihn abfärben. Ganz im Gegenteil, der Name fällt im Film kein einziges Mal.
Stattdessen erzählt er ganz unprätentiös und ohne jeglichen Kitsch, wie sich der Lateinlehrer William in die Bäuerin Agnes verliebt, von der alle sagen, sie wäre die Tochter einer Waldhexe.
Die beiden heiraten gegen den Willen ihrer Familien und bekommen recht bald drei Kinder, erst das Mädchen Susanna und bald darauf die Zwillinge Judith und Hamnet. Die ständige Trennung von ihrem Ehemann, der in London versucht seine Karriere als Bühnenautor voranzutreiben, belastet die Beziehung der beiden zunehmend und droht schließlich am Tod eines der Kinder endgültig zu zerbrechen.
Jessie Buckley bekam für ihre rohe und unmittelbare Darstellung der Agnes völlig verdient den Oscar als beste Hauptdarstellerin, doch Paul Mescal erweist sich als ebenbürtiger Schauspielpartner. Und auch die Kinderdarsteller*innen Jacobi Jupe, Olivia Lynes und Bodhi Rae Breathnach wissen in ihren anspruchsvollen Rollen vollends zu begeistern.
Regisseurin Chloé Zhao beweist nach der völlig missglückten Comicverfilmung „Eternals„, dass sie am stärksten ist, wenn sie sich auf eine Handvoll Charaktere und deren Innenleben konzentrieren kann.
Unterstützt von der meisterlichen Kameraarbeit von Łukasz Żal und der erfreulich unaufdringlichen Musik von Max Richter ist ihr mit „Hamnet“ eine zutiefst ergreifende Geschichte über Liebe, Verlust und Trauer gelungen und über Kunst als Mittel, Menschen Halt zu geben und Trost zu spenden.

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