Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Die Halbstarken“

Deutschland, 1956

Bewertung: 4 von 5.

Auf der Texttafel zu Beginn des Films, der heute als einer der wichtigsten Filme der deutschen Nachkriegszeit gilt, ist zu lesen, dass er als Warnung an die Jugend zu verstehen sei, nicht wie die Halbstarken im Film auf die schiefe Bahn zu geraten.
Allerdings fingen der Regisseur Georg Tressler („Das Totenschiff„, „Sukkubus – Den Teufel im Leib„) und der Drehbuchautor Will Tremper, das von Rock’n Roll und amerikanischen Filmhelden wie James Dean geprägte Lebensgefühl eines Teils der deutschen Jugend in ihrer Milleustudie so perfekt ein, dass der Film von ihnen eher als Vorbild als als abschreckendes Beispiel gesehen wurde.
Der junge Horst Buchholz, für den der Film den endgültigen Durchbruch bedeutete, spielt Freddy, den charismatischen Anführer einer Jugendgang, die sich ihre Unabhängigkeit von ihren Eltern mit kleinen Gaunereien finanziert.
Als er die toughe Sissy (Karin Baal) kennenlernt, will er sich mit den Kleinigkeiten nicht länger abgeben und plant ein großes Ding.
Die erst 15jährige Karin Baal gab hier ihr beeindruckendes Filmdebüt. Aufgrund ihrer mangelnden Filmerfahrung entschloss man sich, sie durch eine gelernte Schauspielerin synchronisieren zu lassen. Dadurch kommt man hier leider noch nicht in den Genuss ihrer markanten Stimme, die später zusammen mit ihrem meist unterkühlten Blick zu ihrem Markenzeichen werden sollte.
Kameramann Heinz Pehlke, der als Kameraassistent beim großen Helmut Käutner („Unter den Brücken„) gelernt hatte, verpackt die Geschichte in starke Schwarzweißbilder, die die Tiefe des Raumes geschickt ausfüllen. Der Hintergrund ist hier nur selten unscharf, nie nur beliebiges Beiwerk, sondern er erzählt in gekonnt inszenierten Details vom Berliner Milieu, vom Leben im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit.
Der Soundtrack von Martin Böttcher, der später mit den Melodien zu den Karl May-Filmen berühmt werden sollte und hier seine erst zweite Filmmusik abliefert, hat echte Ohrwurmqualitäten und treibt mit seinem Drive und Beat die Geschichte zusätzlich voran.
Apropos Musik, die Tanzszene zwischen Buchholz und Baal ist selbst nach heutigen Maßstäben noch verdammt sexy (vor allem Buchholz).
Warum Bernd Eichinger in den 1990ern auf die Idee kam, die Hauptrolle der (Fernseh-)Neuverfilmung mit Til Schweiger zu besetzen, darf übrigens als eines der großen Mysterien der neueren deutschen Filmgeschichte gelten.



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