Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Dredd“

Großbritannien, USA, 2012

Bewertung: 5 von 5.

Die Zelebrierung der Zerstörung des menschlichen Körpers durch Gewalteinfluss in Zeitlupe gehört zu den essenziellen Zutaten des modernen Actionkinos, die 1967 mit der berühmten Schlusssequenz in Arthur Penns „Bonnie und Clyde“ ihren Anfang nahm, von Sam Peckinpah in „The Wild Bunch“ 1969 endgültig zum Stilmittel erhoben wurde und im Heroic Bloodshed von John Woo und anderen Hong Kong-Regisseuren der 90er Jahre seinen vorläufigen Höhepunkt fand.
Doch erst in „Dredd“ im Jahr 2012 fand Drehbuch-Autor Alex Garland eine story-technische Begründung für den Einsatz von Zeitlupenaufnahmen in den zahlreichen blutigen Schießereien des auf den Comics „Judge Dredd“ basierenden Films.
In einer unbestimmten post-atomaren Zukunft leben die Menschen in Mega-Cities, riesigen unwirtlichen Stadtgebilden, in denen die „Jugdes“ versuchen Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten.
Es ist eine Droge namens „Slo-Mo“ in Umlauf, durch deren Konsum sich die menschliche Wahrnehmung derart verändert, dass alles um einen herum wie in Zeitlupe abläuft.
Der berühmte Judge Dredd und die junge Judge-Anwärterin Cassandra Anderson stoßen zufällig auf die Spur der Hauptproduzentin der Droge, Madeline Madrigal, genannt „Ma-Ma“. Dass der Versuch ihr Haupt-quartier einzunehmen nicht ohne Gewaltanwendung vonstatten geht, liegt in der Natur der Sache… und des Films.
Dredd“ ist die zweite Verfilmung der Comic-Vorlage und im Gegensatz zu seinem Vorgänger Sylvester Stallone behält Karl Urban in der Titelrolle den Helm auf, so dass er allein an seiner markigen Stimme zu erkennen ist. Als „Identifikationsfigur“ stellen Alex Garland und Regisseur Pete Travis, der seitdem unverständlicherweise fast nur noch fürs Fernsehen gedreht hat, ihm Olivia Thirlby als para-psychisch begabte Anwärterin Anderson zur Seite, die wegen ihrer Fähigkeiten keinen Helm tragen kann.
Ihnen gegenüber steht als eine der viel zu seltenen weiblichen Bösewichte in Actionfilmen die großartige Lena Headey, die damals in Genrekreisen als Sarah Connor in der kurzlebigen Terminator-Serie „The Sarah-Connor-Chronicles“ schon eine gewisse Beliebtheit erlangt hatte und gerade dabei war als Cersei Lennister in „Game of Thrones“ auch einem breiteren Publikum bekannt zu werden.
Die hochgradig stilisierten Bilder des Kameramanns Anthony Dod Mantle, der mit seiner Arbeit an Filmen von Danny Boyle, Thomas Vinterberg und Lars von Trier maßgeblich zur Filmästhetik der frühen 2000er Jahre beigetragen hat, sind ein Genuss (insbesondere in 4K, wofür sie geradezu gemacht zu sein scheinen), brachten dem Film aber auch den alten Vorwurf der Gewaltverherrlichung ein.
Sicherlich ist der Film in seiner Gewaltdarstellung alles andere als zimperlich, schafft es aber durch die starke Verfremdung sowohl der Comic-Vorlage diesbezüglich gerechter zu werden als sein Vorgänger (den ich trotz allem als Film sehr schätze) als auch die Gewalt zeigbarer zu machen.
Ganz nebenbei zeigt Garland in „Dredd“ übrigens ganz ähnlich wie Paul Verhoeven in „Starship Troopers“ mit der Figur des ebenfalls para-psychisch begabten Colonel Carl Jenkins (Neil Patrick Harris) das Zusammenwirken von körperlicher und psychischer Gewaltanwendung in den Durchsetzungsapparaten faschistoider Staatssysteme. Diese als vermeintliche Helden in auch vordergründig als reine Actionspektakel konsumbierbaren Filmen auftreten zu lassen, gehört zu den leider oft missverstandenen Kunstgriffen beider Filme.



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