Frankreich, 2004
„Innocence“ ist das Langfilmdebüt der französischen Regisseurin Lucile Hadžihalilović, in der es ihr nahezu kongenial gelingt die unvollendete Erzählung „Mine-Haha“ des deutschen Schriftstellers Frank Wedekind in das Medium Film zu übertragen. Wedekind entwarf darin zum einen anhand eines abgelegenen Mädcheninternats die Dystopie einer sich selbst kontrollierenden und dadurch selbst unterdrückenden Gesellschaft, beschäftigte sich nach „Frühlings Erwachen“ aber auch erneut mit der (Sexual-)Moral der Weimarer Gesellschaft und deren negativem Einfluss auf Kinder und Jugendliche.
In Hadžihalilovićs Filmadaption gleicht das Internat einem verwunschenen Ort jenseits von Zeit und Raum, ein von hohen, efeubewachsenen Mauern umschlossenes Refugium, in dem die Mädchen einerseits scheinbar fröhlich herumtollen dürfen, andererseits einer strengen Hierarchie und ebensolchen Regeln unterworfen sind, an deren Einhaltung sie sich jedoch immerzu gegenseitig ermahnen.
„Gehorsam ist der einzige Weg zum Glücklichsein„, sagt eine der Erzieherinnen zu der sechsjährigen Iris, die frisch im Internat angekommen ist und sich bald darauf mit der 12jährigen Bianca anfreundet. Während es den jüngeren Mädchen verboten ist, nachts das Internatsgebäude zu verlassen, gehört Bianca zu jenen älteren Mädchen, die regelmäßig nachts zu einer geheimen Aufgabe aufbrechen, über die sie nicht sprechen dürfen.
Ganz im Gegensatz zu den Filmen ihres Lebensgefährten Gaspar Noé („Menschenfeind„, „Irreversible„) lebt Lucile Hadžihalilovićs „Innocence“ von den Dingen, die ungezeigt und unausgesprochen bleiben, von dieser schwebenden Stimmung zwischen Schönheit und Schrecken, die sich auch in den Bildern des Kameramannes Benoît Debie und der spartanisch aber wirkungsvoll eingesetzten Musik von Richard Cooke widerspiegelt.
Nur ein Jahr später verfilmte der englische Regisseur John Irvin („City of Industry„) den Stoff unter dem Titel „The Fine Art of Love“ mit älteren Darstellerinnen und dem Trailer nach zu urteilen in deutlich reißerischer Art und Weise, wobei er sich von Wedekinds parabelhafter Vorlage recht weit zu entfernen scheint.

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