Frankreich, 1966
Die junge Suzanne Simonin wird Mitte des 18. Jahrhunderts gezwungen, in ein Kloster einzutreten, ist sie doch die jüngste dreier Töchter, und die Familie hat kein Geld mehr für die Aussteuer bei einer Hochzeit. Zudem will ihre Mutter verbergen, dass ihr Ehemann gar nicht der Vater ist.
In den folgenden Jahren wird Suzanne unter drei verschiedenen Äbtissinnen die unterschiedlichen Ausprägungen klösterlichen Lebens kennenlernen, von der mütterlichen Mme de Moni (Micheline Presle) über die sadistische Soeur Sainte-Christine (Francine Bergé) bis zur weltoffenen und lesbischen Mme de Chelles (Liselotte Pulver).
Mag diese Beschreibung die Vermutung nahelegen, dass es sich bei „Die Nonne“ um einen sehr frühen Vertreter des „Nunsploitation“-Genres mit viel nackter Haut, Sex und Gewalt hinter Klostermauern handelt, so könnte die Wahrheit jedoch kaum weiter davon entfernt sein.
Jacques Rivettes Verfilmung des gesellschafts- und kirchenkritischen Romans „Die Nonne“ von Denis Diderot ist ein ergreifendes Drama über den Leidensweg einer jungen Frau, die gegen die alle Konventionen aufbegehrt, von Anna Karina mit schmerzvoller Eindringlichkeit gespielt.
Kameramann Alain Levent fängt die Klosterräumlichkeiten in strengen, farblich abgestimmten Bildern ein, in denen sie zugleich Mit-Ursache als auch äußerer Ausdruck des Innenlebens der Protagonistin sind.
Bei Erscheinen war der Film in Frankreich ein Skandal und zeitweise mit einem Aufführungsverbot wegen Verletzung religiöser Gefühle belegt, das nur dank der Intervention namhafter Künstler aufgehoben wurde.
Die deutsche Blu-ray-Veröffentlichung, die den Film in einer wunderbaren 4k-Restaurierung und mit französischer und deutscher Tonspur sowie englischen und deutschen Untertiteln präsentiert, ist leider nur noch mit etwas Glück second-hand zu bekommen, sei jedoch all jenen, die intelligente Gesellschafts- und Religionskritik sowie große Schauspielkunst zu schätzen wissen, wärmstens ans Herz gelegt.
Die Neuverfilmung von 2013 kenne ich nicht, ich wage jedoch, trotz der Mitwirkung von Isabelle Huppert, zu bezweifeln, dass er auch nur ansatzweise in die Nähe der Qualität von Rivettes meisterhaftem Film kommt.

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