Griechenland, 1962
Der griechische Regisseur Michael Cacoyannis verfilmte zwischen 1962 und 1976 drei Stücke des klassischen Tragödiendichters Euripides (480 – 406 v. Chr.), die sich thematisch um den Trojanischen Krieg gruppieren, beginnend mit „Elektra„.
König Agamemnon wird bei seiner siegreichen Rückkehr aus Troja von seiner Frau Klytaimnestra und ihrem Liebhaber Aigisthos in eine Falle gelockt und heimtückisch ermordet. Ihre Kinder Elektra und Orestes, die die Tat nicht verstehen, schickt sie ins Exil. Jahre später schmiedet Elektra, die einen einfachen Bauern geheiratet hat, einen Plan, um den Mord an ihrem Vater zu rächen und schickt nach Orestes, den sie seit damals nicht mehr gesehen hat.
Den Mord an Agamemnon, der nicht Bestandteil des Stückes von Euripides ist, inszeniert Cacoyannis ohne Dialoge und in deutlich vom deutschen expressionistischen Stummfilm inspirierten Bildern mit harten Schattenwürfen.
Überhaupt ist schon allein die kunstvolle Schwarzweiß-Kameraarbeit des Deutsch-Briten Walter Lassally, der zwei Jahre später für Cacoyannis‘ „Alexis Sorbas“ den Oscar bekommen sollte, Grund genug den Film in den höchsten Tönen zu preisen, wäre da nicht noch die nicht minder eindrucksvolle Musik von Mikis Theodorakis und die alles überstrahlende Irene Papas in der Titelrolle.
Die damals 36jährige Papas, die ein Jahr zuvor bereits als Antigone in der Verfilmung des gleichnamigen Stückes von Sophokles brilliert hatte, beweist hier erneut, dass sie zweifelslos zu den größten europäischen Charakterdarstellerinnen gehörte.
Die ungeheure Würde und Kraft, die ihre Elektra trotz geschorener Haare, barfuß und in Lumpen gehüllt, hier ausstrahlt und die tiefe innere Zerrissenheit, die sich in jedem ihrer Blicke und Worte manifestiert, zeigen wie eindringlich sie in der Lage war, komplexe Frauenfiguren zum Leben zu erwecken, von denen es auch im damaligen Kino leider viel zu wenige gab.
In Cacoyannis‘ „Die Trojanerinnen„, der zweiten seiner Euripides-Adaptionen, hatte sie nur eine Nebenrolle, aber in „Iphigenie“ durfte sie schließlich vierzehn Jahre später selbst die Klytaimnestra verkörpern und somit den filmischen und darstellerischen Kreis schließen.
Neben ihr wissen in „Elektra“ vor allem noch Aleka Katselli als Klytaimnestra und Yannis Fertis als Orestes zu gefallen, die zudem ein Beweis dafür sind, wie sehr es Cacoyannis daran gelegen war, die Rollen auch optisch passend zu besetzen, sieht Orest doch aus wie eine zum Leben erweckte antike Knabenstatue.
Erwähnenswert ist zudem noch, mit welcher geschickten Art und Weise der Regisseur klassische Stilmittel des griechischen antiken Theaters wie den Chor und den Botenbericht nahtlos und gewinnbringend in den Film einbaut. Obwohl er, anders als im Theater, sehr wohl in der Lage gewesen wäre, bestimmte Dinge zu zeigen, verzichtet er bewusst darauf und behält die Erzählstruktur der Vorlage bei, und das mit erstaunlich eindringlicher Wirkung.
Leider ist „Elektra“ anders als „Iphigenie„, der von Radiance Film in einer wunderbar restaurierten Fassung veröffentlicht wurde, außerhalb Griechenlands nur schwer zu bekommen. Die zur Zeit beste Veröffentlichung ist eine spanische Blu-ray mit immerhin akzeptablem Bild und englischen Untertiteln.

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