Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Requiem for a Heavyweight“ / „Die Faust im Gesicht“

USA, 1962

Bewertung: 5 von 5.

Als Kind und Jugendlicher habe ich Anthony Quinn, ganz ähnlich wie Burt Lancaster, hauptsächlich in Abenteuer- oder Piratenfilmen, oft als Gegenspieler oder Nebenfigur, wahrgenommen. Erst später wurde mir bewusst, was für ein hervorragender Charakterdarsteller er tatsächlich war, von seiner Darstellung des jungen Mexikaners Juan Martinez in William A. Wellmans aufwühlendem Anti-Selbstjustiz-Western „Ritt zum Ox-Bow“ (1943) bis zu seiner oscar-prämierten Titelrolle in „Alexis Zorbas“ (1964).
In „Requiem for a Heavyweight“ spielt er den Schwergewichtsboxer Luis „Mountain“ Rivera, der nach einer Niederlage gegen Cassius Clay (der in der großartigen Eröffnungssequenz einen Auftritt als er selbst hat) von seinem Arzt weitere Kämpfe verboten bekommt, da er sonst auf einem Auge erblinden könnte.
Sein bester Freund und Manager Maish Rennick (Jackie Gleason) versucht ihn zu überzeugen ins Wrestling einzusteigen, während sein Betreuer Army (wie immer toll: Mickey Rooney) ihn überzeugt, außerhalb des Business nach einem Job zu suchen.
Dadurch lernt er die Jobcenter-Beraterin Grace Miller kennen, aus deren anfänglich rein beruflich motivierten Versuchen, dem unbeholfenen Boxer zu helfen, sich langsam mehr entwickelt.
Ein zeitgenössischer Kritiker hatte sich zu der Aussage hinreißen lassen, ihre Figur würde diese „schöne reine Männergeschichte“ stören. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.
Nicht zuletzt durch ihr wunderbar natürliches Spiel erdet die großartige Julie Harris, die nur ein Jahr später das Publikum als Eleanor „Nell“ Lance in „Bis das Blut gefriert“ das Fürchten lernen sollte, den Film, und die Szene zwischen ihr und Quinn in einer ansonsten nur von Männern besuchten Bar gehört wohl zu den schönsten und ehrlichsten Dates, die ich je in einem Film gesehen habe.
Regisseur Ralph Nelson („Lilien auf dem Felde„, „Das Wiegenlied vom Todschlag„) verfilmte in seinem Kinodebüt seinen eigenen, sechs Jahre zuvor entstandenen Fernsehfilm neu und gab ihm eine deutlich düstere Ausrichtung, nicht zuletzt durch die beeindruckende Schwarz-Weiß-Kameraarbeit von Arthur J. Ornitz, der geschickt mit Perspektiven und Spiegelungen arbeitet, aber auch durch das schmerzvoll-intensive Schauspiel von Anthony Quinn.
Auf Amazon Prime gibt es den Film für kleines Geld zum Leihen, leider wieder mal nur in SD und ohne englische Tonspur, wobei Quinn hier eigentlich nicht zu synchronisieren ist.
Die amerikanische Blu-ray, die auf deutschen Playern leider nicht läuft, präsentiert den Film in einer schön restaurierten Fassung, jedoch ohne jegliche Extras. So hätte mich die amerikanische Fernsehfassung mit Jack Palance ebenso interessiert wie die aber ohnehin verschollene BBC-Verfilmung von 1957 mit Sean Connery.



One response to “„Requiem for a Heavyweight“ / „Die Faust im Gesicht“”

  1. […] Kameraarbeit und einem brillanten Sounddesign ist es vor allem Julie Harris‘ („Requiem for a Heavyweight„) Darstellung der Eleanor, die den Film trägt. Ihre angstvollen Blicke und ihre […]

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