Japan, 1989
Ein Büroangestellter entdeckt eines Morgens beim Rasieren einen kleinen Metallsplitter, der anstatt eines Barthaares aus seiner Wange wächst. Beim Entfernen steht eine kleine Wunde.
Auf dem Weg zur Arbeit wird er am Bahnhof Zeuge, wie die Frau neben ihm sich nach einem seltsam anmutenden Tierkadaver voller Metallteile bückt. Als sie sich wieder erhebt, besteht auch ihre Hand aus Schrott und Schläuchen. Wie von Sinnen greift sie ihn an und verfolgt ihn.
„Tetsuo: The Iron Man“ ist der Debütfilm des japanischen Regisseurs Shin’ya Tsukamoto, der zusammen mit ähnlich radikalen Erstlingswerken wie David Lynchs „Eraserhead“ in einem eigenen „What-the-Fuck-have-I-just-seen„-Himmel residiert.
Auf körnigem 16-mm-Schwarzweißfilm gedreht, mit schnellen Schnitten, wackelnder Kamera und fast ohne Dialoge, dafür unterlegt von einem dröhnendem Industrial-Soundtrack bombardiert Tsukamoto sein Publikum mit verstörenden wie faszinierenden Bild- und Szenenfolgen von Metall und menschlichen Körpern und deren Verschmelzung miteinander.
Er hebt dabei den Bodyhorror eines „Videodrome“ des frühen David Cronenberg, von dem er nach eigenen Aussagen inspiriert wurde, auf ein neues Level, indem er ihn mit Elementen des Cyberpunk kombiniert und so die Entmenschlichung des Einzelnen in der immer schneller technologisierten japanischen Nachkriegsgesellschaft kritisiert und auch deren propagierte Rollen- und Männlichkeitsbilder in Frage stellt.
Dies zeigt sich zum Beispiel, wenn die Lebensgefährtin des Büroangestellten versuchen will, ihrem verstörten Partner zu helfen, für ihn die Szene aber in einer grotesken Sex-Phantasie endet.
„Tetsuo: The Iron Man“ steht damit ganz weit an vorderster Front eines Verständnisses von Film, das sich vom reinen Unterhaltungsaspekt des Mediums so weit wie eben möglich entfernt hat, um dort im Freiraum transgressiver künstlerischer Ausdrucksformen an jenen Dingen des menschlichen Daseins zu rühren, die wir selbst nur allzu gerne verdrängen. Und gerade darin liegt seine aufwühlende Kraft.
Die uns auf sensorischer Ebene bewusst überfordernden Bild- und Geräuschabfolgen sind dabei nicht nur Mittel zum Zweck, sondern eben auch konzentrierter Ausdruck der scheinbaren Unmöglichkeit sich in einer rasant entwickelnden Welt zurecht zu finden ohne die eigene Menschlichkeit dabei aufzugeben.
Denn inmitten dieses Bodyhorrors voller visueller Grenzüberschreitungen und nur vermeintlich reiner Provokation schlägt, ganz ähnlich wie bei Cronenberg und Lynch, ein zutiefst humanistisches Herz.

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