Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Tetsuo II: Body Hammer“

Japan, 1992

Bewertung: 4.5 von 5.

Drei Jahre nach seinem aufsehenerregenden Debüt „Tetsuo: The Iron Man“ drehte der japanische Regisseur Shin’ya Tsukamoto eine Variation der dort etablierten Themen, die aber wegen ihrer stark veränderten Tonalität bei Fans und Kritikern erst nur sehr verhalten aufgenommen wurde.
An die Stelle hektischer Schwarzweiß-Bildfolgen tritt hier eine betont ruhige Kameraarbeit mit von einer von Blau- und Orangefiltern geprägten Farbästhetik. Hinzukommt eine deutlich stringentere Handlung, in deren Mittelpunkt die Familie des einfachen Büroangestellten Tomoo steht.
Als sein kleiner Sohn Minori entführt wird und er dies nicht verhindern kann, sondern letztendlich selbst noch von seiner Frau gerettet werden muss, gerät sein männliches Selbstwertgefühl in Wanken und er beginnt zu trainieren. Als sein Sohn erneut entführt wird, wächst Tomoo eine Schußwaffe aus der rechten Hand, die er jedoch nur bedingt zu kontrollieren vermag und dadurch seinen Sohn statt des Entführers tötet.
Deutlicher noch als in „Tetsuo: The Iron Man“ steht hier die Kritik an (heute würden wir sagen „toxischen“) Männlichkeitsbildern im Vordergrund.
Durch die nachvollziehbare, weitestgehend chronologisch erzählte Handlung, die langsamere Bildfolge und die drastischen Spezialeffekte, die die Grenze zum Splatter ein ums andere Mal überschreiten, erscheint „Tetsuo II: Body Hammer“ auf den ersten Blick simpler als sein Vorgänger.
Dass man ihn trotzdem gründlich missverstehen kann, zeigte das Amtsgericht Frankfurt bei seiner Begründung der 1995 verfügten Beschlagnahmung des Filmes, empfand man dort doch, dass die gezeigte Gewalt die Menschenwürde verletze. Eine Abwägung der künstlerischen Bedeutsamkeit des Films, wie sie bei derartigen Beurteilungen eigentlich üblich ist, ließ man gleich ganz unter den Tisch fallen.
Dieses krasse Fehlurteil, über das eins insbesondere angesichts dessen, was heutzutage so an Gewaltdarstellungen über Bildschirme und Leinwände flimmert, nur fassungslos den Kopf schütteln kann, führte dann auch dazu, dass der Film bis heute in Deutschland nicht offiziell erhältlich ist, was eine kritische und fundierte Auseinandersetzung mit einem Werk erschwert, das Gewalt in seiner Darstellung eben nicht verherrlicht, sondern als erschreckendes Resultat von durch Erziehung und politische Agitation bewusst fehlgeleiteter und ausgenutzter Vorstellungen von Männlichkeit zeigt, deren Unberechenbarkeit in einer brillanten Schlussszene konzentriert wird.



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