Deutschland, 2025
Eigentlich wollte Hark Bohm den Film über seine Kindheitserinnerungen an die Zeit während des Zweiten Weltkriegs auf Amrum selbst drehen, doch wegen seiner fortschreitenden Krankheit übernahm sein langjähriger Freund und Kollege Fatih Akin die Regie.
Hille, die Mutter des 12jährigen Nanning, ist mit ihren Kindern und ihrer Schwester Ena aus Hamburg nach Amrum geflohen, woher sie ursprünglich stammt. Der Krieg ist dort weit weg, nur ab und zu lassen die englischen Bomber auf dem Weg zurück überschüssige Bomben ins Watt fallen.
Um die Familie zu unterstützen (die Mutter ist erneut schwanger und der Vater im Krieg) arbeitet Nanning, der sich mit dem gleichaltrigen Hermann angefreundet hat, mit diesem auf dem Feld der Bäuerin Tessa Bendixen, die im Gegensatz zu seiner Mutter, die glühende Verehrerin Adolf Hitlers ist, wenig von den Nationalsozialisten hält.
Nach der Geburt des Kindes verfällt Hille in Depressionen und verweigert die Nahrungsaufnahme. Nur ein Weißbrot mit Butter und Honig wünsche sie sich, sagt sie ihrem Sohn. Und so macht sich Nanning auf, die Zutaten dafür zu besorgen…
Jasper Billerbeck trägt als Nanning den Film mit seinem natürlichen und feinfühligen Schauspiel, wobei es neben den grandiosen Laura Tonke als seine Mutter, Lisa Hagmeister als Tante Ena, Diane Kruger als Bäuerin Bendixen und Detlev Buck als Fischer Sam gar nicht auffällt, dass dies seine erste Filmrolle ist. Matthias Schweighöfer schaut nur kurz vorbei (ohne dabei negativ aufzufallen), darf aber immerhin einen der zentralen Sätze des Films sagen.
Und Karl Walter Lindenlaub, der viel für Roland Emmerich gedreht hat, beweist mit seinen ruhigen, stimmungsvollen Bildern der Amrumer Landschaft und Bewohner*innen, dass er mehr kann als nur atemlose Action ablichten.
Mit „Amrum“ ist Fatih Akin wohl einer der auf den ersten Blick leisesten und intimsten aber gerade dadurch auch wirkungsvollsten Filme über den Nationalsozialismus gelungen, zeigt er doch nicht die allseits bekannten Bösewichter in Uniform, sondern die Folgen einer menschen-verachtenden Ideologie, die wie ein langsam wirkendes Gift eine Familie zerfrisst.
Dabei widerlegt er auch einige landläufige und gefährliche Klischees, wie das vom dummen Nazi-Mitläufer, stammt Nannings Familie doch aus dem Hamburger Bildungsbürgertum und sein Vater war der Verfasser mehrerer Bücher über Biologische Rassenschande.
Zugleich zeigt er eindringlich das Dilemma der Kriegsgeneration, die zu jung ist, um Schuld an den Taten ihrer Elterngeneration zu haben, aber alt genug, um sich des Erbes dieser Taten bewusst zu werden.
Ein schweres Erbe, das viele allzu leicht abgeschüttelt haben und dem der große deutsche Filmemacher Hark Bohm mit dem Drehbuch zu Amrum ein letztes Mahnmal gesetzt hat, ist er doch nur einen Monat nach dem Kinostart des Films im Alter von 86 Jahren verstorben.

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