Deutschland, 1988
Die 17jährige Yasemin führt ein Doppelleben, zu Hause gibt sie die folgsame Tochter eines türkischen Gastarbeiter-Ehepaars, doch außerhalb der Reichweite ihres gestrengen Vaters ist sie eine junge selbstbewusste Frau, die Judo macht und nach dem Abitur studieren will.
Als sie im Judokurs den drei Jahre älteren Studenten Jan kennenlernt und dieser beginnt sie zu umwerben, beginnt ihr sorgsam aufgebautes Kartenhaus der heimlichen Freiheiten zu bröckeln.
Der deutsche Autorenfilmer Hark Bohm zeigt mit seinem Film „Yasemin„, dessen Entstehung monatelange Recherchen bei türkischen Gastarbeiter-Familien vorausgingen, dass die berechtigte Kritik an patriarchalen Strukturen nicht zwingend gleichbedeutend ist mit Rassismus und Islamfeindlichkeit. Der Tatsache, dass er allen seinen Figuren auf Augenhöhe begegnet, ist wohl auch zu verdanken, dass er für die Rollen von Yasemins Eltern den türkischen Schauspieler Şener Şen (in seinem einzigen deutschen Film) und die türkischstämmige Schriftstellerin, Theaterregisseurin und Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar gewinnen konnte.
Und auch wenn wie des Öfteren sein Ziehsohn Uwe Bohm die männliche Hauptrolle spielt, so gehört der Film doch ganz der damals auch erst 17jährigen Ayşe Romey in ihrer ersten Filmrolle. Ihre kraftvolle Darstellung brachte ihr damals völlig zurecht sowohl den Bayerischen Filmpreis als auch den Bundesfilmpreis als beste Nachwuchs-schauspielerin ein. Abgesehen von einer weiteren Film- und einer Serienrolle trat sie danach allerdings nicht weiter schauspielerisch in Erscheinung und verdient ihren Lebensunterhalt heute als Buchillustratorin.
Die einzige DVD-Veröffentlichung in der vom Verlag Zweitausendeins kuratierten Reihe „Der Deutsche Film“ wird Hark Bohms großartiger Gesellschaftsstudie leider in keiner Weise gerecht. Dass die Bildqualität aufgrund der 4:3-Kodierung nicht mehr heutigen Standards entspricht, auch wenn die Bilder des renommierten Kameramanns Sławomir Idziak („Black Hawk Down„, „Proof of Life„) besseres verdient hätten, mag ja noch zu verschmerzen sein, dass jedoch die deutschen Untertitel bei den zahlreichen türkischsprachigen Dialogen fehlen, ist schlichtweg eine Frechheit.
Zwar kann eins der Handlung so noch durchaus folgen, aber gerade die um Authentizität und Detailtreue bemühte Auseinandersetzung Bohms mit der Kultur türkischer Einwander*innen verliert dadurch doch enorm. So bleibt wohl nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass „Yasemin“ irgendwann eine würdige Veröffentlichung bekommt oder mal wieder seinen Weg in eine der Mediatheken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks findet, verfügten die Fernsehausstrahlungen doch immer über entsprechende Untertitel.

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