Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Picnic at Hanging Rock“ / „Picknick am Valentinstag“

Australien, 1975

Bewertung: 5 von 5.

Am Valentinstag des Jahres 1900 brechen die Schülerinnen eines Mädcheninternats im australischen Bundesstaat Victoria zu einem Picknick am Felsmassiv „Hanging Rock“ auf, doch drei von ihnen sowie eine Lehrerin kehren nicht von dem Ausflug zurück.
Mit seiner Verfilmung des gleichnamigen Romans der Schriftstellerin Joan Lindsay schuf Peter Weir einen Mystery-Film, der trotz seiner Sperrigkeit ein großer Erfolg wurde (und das australische Kino international salonfähig machte) und dessen fehlende Auflösung des Mysteriums um das Verschwinden der Mädchen das Publikum bis heute zu den wildesten Theorien (bis hin zur Entführung durch Außerirdische) veranlasst hat.
Kurz vor dem Tod der Schriftstellerin Lindsay wurde 1987 das zuvor fehlende letzte Kapitel des Romans veröffentlicht, das eine Auflösung enthält, die ich zwar kenne, aber auf die ich hier nicht weiter eingehen will.
Für mich ist die fehlende Aufklärung immanent wichtig nicht nur für die Wirkung sondern auch die Aussage des Films. Das Unvermögen der verschiedenen Personen im Film eine Erklärung für die Geschehnisse zu finden, ist für mich nur der äußere Ausdruck eines inneren Problems, nämlich eines Nicht-Verstehen-Wollens oder -Könnens.
Als die Mädchen zu dem Picknick aufbrechen, werden sie von der gestrengen Schulleiterin mehrfach ermahnt, auf die gefährlichen Ameisen und Schlangen am Hanging Rock acht zu geben. Hier wird ein vermeintliches Gegensatzpaar Natur vs. Mensch aufgemacht, jedoch schon in dem Hinweis, dass die Mädchen angesichts des heißen Wetters ausnahmsweise ihre Handschuhe werden ausziehen dürfen, zeigt sich, dass der Gegensatz vielmehr zwischen der Natur und der von strengen weiblichen Rollenbildern geprägten viktorianischen Kultur liegt.
Das Picknick ist ja auch kein Vergnügungsausflug, sondern ein Teil der Ausbildung, in dem die Mädchen lernen sollen, wie sich eine Dame auf dem gesellschaftlichen Anlass eines Picknicks angemessen zu verhalten hat.
Und während ihre Mitschülerinnen teils sichtlich gelangweilt diese Prozedur über sich ergehen lassen, entfernen sich vier Mädchen unter der Führung von Miranda, deren (nicht nur platonische) Freundin Sara nicht am Picknick teilnehmen durfte, von der Gruppe, um das verschlungene Felslabyrinth des Hanging Rock zu erkunden. Dass jene drei Mädchen, die bald darauf verschwinden, nicht nur die Handschuhe sondern auch Schuhe und Strümpfe ablegen und barfuß den Felsen hinaufwandern, ist dabei mehr als nur ein Protokollbruch, sondern eine unmittelbare Kontaktaufnahme mit der Natur, ein nur vermeintlich leichtsinniges Sich-Ausliefern an ihre angeblichen Gefahren.
Picnic at Hanging Rock“ ist ein hochgradig faszinierendes und gerade in der ersten Hälfte, nicht zuletzt dank der brillant-entrückten Kameraarbeit von Russell Boyd und der schwebenden Panflöten-Musik von Gheorge Zamfir, der später auch „Es war einmal in Amerika“ veredeln durfte, eindringliches Filmkunstwerk über gesellschaftliche Zwänge und weibliche (sexuelle) Befreiung, das von der Criterion Collection in den USA bereits vor einiger Zeit als wunderbar aufbereitete 4K-Disc veröffentlicht wurde, so dass mein heiß und innig geliebtes deutsches Mediabook in den wohlverdienten Ruhestand im Regal gehen darf.



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