Frankreich, 2023
„Anatomie eines Falls“ war einer der drei Filme, die bei der damaligen deutschen Berichterstattung zu den Oscars allgegenwärtig waren, war doch die Hauptdarstellerin Sandra Hüller als beste Schauspielerin nominiert.
„Das Lehrerzimmer“ von İlker Çatak, der als bester ausländischer Film ins Rennen ging, empfand ich als sehr konstruiert und in seiner Figurenzeichnung angestrengt, zwei Wahrnehmungen, derer ich mich, wenn auch nicht in diesem Maße, auch bei „Anatomie eines Falles“ nicht erwehren konnte.
Auf der einen Seite gibt sich der Film der französischen Regisseurin Justine Triet in seinem Look bewusst natürlich und realistisch (wozu auch Sandra Hüllers differenziertes Schauspiel passt), auf der anderen sind manche der eingesetzten Kunstgriffe, wie z.B. die alleinige Verwendung von On-Screen-Musik anstatt von Filmmusik, wenig subtil, und insbesondere die Rolle des sehbehinderten Sohnes erschien mir zeitweise zu sehr als Hilfsmittel, die Aufklärung des Falles an den geeigneten Stellen ins Stocken oder eben wieder ins Rollen zu bringen.
Die Gerichtsszenen, in denen es darum geht, ob der Tod des Mannes nun ein Unfall, Mord oder Selbstmord war, sind zwar bemüht, die Zuschauenden emotional aufzuwühlen, was stellenweise auch gut gelingt, aber gerade Antoine Reinartz gibt als Staatsanwalt mitunter etwas zu sehr den Filmbösewicht, so dass sich bei mir zwar spontane Reaktionen zeigten, aber keine echte Betroffenheit einstellen wollte, anders als z.B. bei Fatih Akins „Aus dem Nichts„.
Alles in allem ein Film, der sicherlich stellenweise ein paar interessante und wichtige Themen (Bisexualität, Depression, Suizid) anschneidet, sich dieser aber auch nicht wirklich annimmt (obwohl er bei zweieinhalb Stunden Länge mehr als genug Zeit dafür hätte), und es für meinen Geschmack letztlich zu wenig schafft, mich tatsächlich fortwährend in sein Geschehen hineinzuziehen, wodurch er mir zu viel Zeit gibt, seine Konstruiertheit zu erkennen.

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