Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Motorpsycho“ / „Motorpsycho … wie wilde Hengste“

USA, 1965

Bewertung: 4.5 von 5.

Innerhalb von nur zwei Jahren drehte Russ Meyer 1964 und -65 eine knappe Handvoll Filme, die er selbst wegen der düsteren Stimmung als seine „Gothic“-Phase bezeichnete und die die öffentliche Wahrnehmung seines Schaffens prägten wie kaum andere seiner Werke, vielleicht mal abgesehen von seiner Spätphase.
Körnige Schwarzweiß-Bilder mit einer ganz eigenen, oft den Western zitierenden Ästhetik, und harte Schnitte kombiniert mit cooler Musik und seinen typischen großbusigen Darstellerinnen – all das findet sich auch in „Motorpsycho„, dem vorletzten dieser Filme und unmittelbarer Vorgänger des heutzutage viel bekannteren „Faster, Pussycat! Kill! Kill!„.
Drei Motorrad-Rowdies terrorisieren ein kleines Wüstenstädtchen in Nevada und als sie die Frau des Tierarztes Maddox vergewaltigen (was zum Glück nicht gezeigt wird, aber die Home-Invasion-Szene ist auch so schon unangenehm genug) und den Mann der jungen Ruby erschießen, schließen sich die beiden notgedrungen zusammen und verfolgen das Trio in die Wüste…
Motorpsycho“ ist ein B-Movie im besten Sinne des Wortes, roh und ungezügelt inszeniert und in Charakterzeichnung und Story auf das Wesentliche reduziert, für viel mehr wäre in den gerade mal 74 Minuten auch weder Zeit noch Platz.
Identifikationsfiguren gibt es nicht wirklich, selbst der vermeintliche Held Maddox ist ein unsympathischer Chauvi, der seine Frau betrügt, wie Männer hier ganz ähnlich wie in „Pussycat“ im Allgemeinen nicht gut wegkommen und als triebgesteuert dargestellt werden, während die Frauen hauptsächlich schön aussehen dürfen, allein die von Haji in ihrer ersten Filmrolle verkörperte Ruby darf zeitweise aus der Objektifizierung und Opferrolle ausbrechen.
Im direkten Vergleich ist „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ auf jeden Fall der bessere Film mit seiner ambivalenteren Charakterzeichnung und interessanterem Plot, aber ohne den durchschlagenden Erfolg von „Motorpsycho“ hätte es ihn nie gegeben.
Über viele Jahre war die vom BFI herausgegebene DVD-Collection  der Werke Russ Meyers die beste verfügbare Version fürs Heimkino, doch nun hat Severin Films in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art begonnen die Filme aufwändig in 4K von den Originalnegativen zu restaurieren und in den USA als codefreie UHD/Blu-ray-Combos zu veröffentlichen.
Und die Edition von „Motorpsycho“ beweist eindrucksvoll, dass sich eine solche Aufbereitung auch für Schwarzweiß-B-Movies lohnen kann, aber trotz höheren Detailgrads und sauberen Bildes die raue Atmosphäre des Films nicht verloren gehen muss.



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