Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Jugend ohne Gott“

Deutschland, 2017

Bewertung: 4.5 von 5.

Dieser Beitrag entstand ursprünglich 2021.

Alain Gsponers Film von 2017 ist die bereits fünfte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ödön von Horváth von 1937.
Der Schweizer Regisseur, der bereits 2015 mit seiner Neuinterpretation von „Heidi“ bewiesen hatte, dass sich eine zeitgemäße Aufarbeitung und die gleichzeitige Treue zum Kern des Stoffes nicht zwangsläufig ausschließen, hat Horváths Faschismus-Parabel in eine deutsche, zeitlich unbestimmte Zukunft verlegt, die Anleihen bei „The Hunger Games“ nimmt, sich aber zugleich anfühlt, als könne sie so schon heute passieren.
An die Stelle des Faschismus mit seiner rassistischen Herrenrassentheorie tritt bei Gsponer eine neo-liberale Leistungsgesellschaft, in der sich Schüler für die Aufnahme an einer besonderen Universität in einem Assessment-Camp beweisen sollen.
Jannis Niewöhner zeigt in der Rolle des einzelgängerischen Jungen Zach, der erst kurz vorher seinen Vater verloren hat, warum er als einer der vielversprechendsten deutschen Jungschauspieler gilt und hat mich neugierig gemacht auf seine Hauptrollen in „Je suis Karl“ und Detlev Bucks „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull„.
Als sich Zach in Ewa (Emilia Schüle), die Anführerin einer Bande von „Illegalen“, die außerhalb des Systems im Wald leben, verliebt, beginnt die Situation im Camp zu eskalieren.
Im Gegensatz zum Roman erzählt der Film die Geschichte jedoch nicht linear, sondern wechselt in überaus geschickten Rückblenden mehrfach die Erzählperspektive zwischen seinen vier Hauptfiguren, wobei immer neue Details ans Tageslicht kommen und sich die ganze Dimension des menschlichen Dramas erst nach und nach entspinnt.
Zur Modernisierung des Stoffes gehört auch das fast völlige Fehlen des religiösen Bezugs. Die von Horváth beschriebene Gottlosigkeit war ohnehin nur ein Synonym für die Abwesenheit von humanistischen Werten und menschlichen Gefühlen, die heutzutage nicht mehr einer religiösen Legitimation bedürfen, um relevant zu sein.
Frank Lamm kleidet die Geschichte in klare Bilder, die selbst in der Natur die meist unterkühlte Stimmung des Filmes entscheidend mittragen.



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