Olivers Filmwelten

Aus Leidenschaft zum Film


„Angst“

Österreich, 1983

Bewertung: 4.5 von 5.

Angst„, der einzige Film des österreichischen Regisseurs Gerald Kargl, basiert lose auf den Taten des berüchtigten Serientäters Werner Kniesek.
Nun tue ich mich ja mit True-Crime-Formaten enorm schwer, die Faszination für reale Serienkiller hat sich mir nie wirklich erschlossen und insbesondere die damit mitunter einhergehende voyeuristische Ausschlachtung realen Leids stößt bei mir auf mehr als nur Unverständnis. So gibt es dann auch nur wenige Filme in diesem Bereich, die mir angeschaut habe und noch wenigere, die mir gefallen haben, zumeist dann wegen ihrer besonderen filmischen Qualität, wie z.B. John McNaughtons „Henry – Portrait of a Serial Killer„.
In welche Kategorie Kargls „Angst“ nun fällt, hängt ein Stück weit von der Fassung des Films ab. Die in Österreich damals gezeigte Originalfassung lief lediglich 75 Minuten, zu wenig für eine internationale Kinoauswertung fanden die Produzenten und ließen einen fast acht Minuten langen Prolog nachdrehen, in dem nach einer kurzen Schauspielsequenz hauptsächlich Fakten zu Knieseks Leben aus dem Off heraus erzählt und mit Fotos oder kurzen Spielszenen bebildert werden. Dadurch wird der Film eben zu jenem Beispiel für True-Crime, das er nie sein sollte.
Bei der Neuveröffentlichung auf DVD Anfang der 2000er (bis dahin war der Film faktisch nicht erhältlich, in einigen Ländern wie Deutschland war er sogar nie im Kino gelaufen) wurde wieder auf die ursprüngliche Fassung zurückgegriffen, jedoch eine zentrale Szene wegen der extremen Gewaltdarstellung auf Wunsch des Regisseurs selbst abgedunkelt.
Die nihilistische Wirkung des Films beruht auf seiner extremen Inszenierungs- und Erzählweise, zu denen der erwähnte Prolog so gar nicht passen mag. Während wir dort nämlich die Eindrücke (u.a. psychologische Gutachten) anderer Personen über die Hauptfigur erzählt bekommen, konzentriert sich der Film in seiner Ur-Fassung ganz und gar auf den von Erwin Leder (der in „Das Boot“ den Maschinisten gespielt hatte) überaus eindringlich dargestellten Täter.
Durch die mit einer speziellen Tragekonstruktion am Körper des Schauspielers befestigten Kamera nehmen wir ganz oft seine Perspektive, seinen Blickwinkel ein, während mit nüchterner und ruhiger Stimme (im übrigen nicht die von Leder selbst, sondern die des damaligen Theater-Schauspielers Robert Hunger-Bühler) das Geschehen in der Ich-Form scheinbar rückblickend kommentiert wird.
Kargl lässt also sein Publikum völlig allein mit diesem psychopatischen Mörder (so allein und ausgeliefert wie seine Opfer) und zwingt uns ihm bei seinen Taten zuzusehen und seinen Kommentaren zuzuhören. Diese Worte aus dem Off bringen uns aber keine Erklärung, kein Verständnis und ohne diese auch keine Erlösung. Wir werden zu hilflosen Zeugen und Opfern zugleich. Selten war das geflügelte Wort vom Durchleben eines Films so zutreffend wie bei Kargls „Angst„.
Ob sich eins diesen Film jedoch anschauen will, sollte jede*r für sich selbst entscheiden. Klassischen Unterhaltungsmusters des Genres wie bewusster Spannungsaufbau, Jump-Scares oder Ästhetisierung von Gewalt verweigern sich Werk und Regisseur auf jeden Fall genauso rigoros wie irgendwelchen Erklärungs- oder Mystifizierungsversuchen.
Die jüngst bei Umbrella Entertainment in Australien erschienene und üppig ausgestattete 4K-Sonder-Edition enthält lediglich die längere, internationale Fassung (diese aber in toller Bildqualität), der Prolog dürfte jedoch durch die Kapitelfunktion übersprungen werden können.



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